Was geschah
Auf den Herztagen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) — gemeinsam mit dem Digital Cardiology and Artificial Intelligence Committee der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) veranstaltet — trafen zwei Welten aufeinander: die Vision eines Krankenhauses ohne Tastatur und der Alltag aus PDF-Sammlungen, Faxstapeln und leeren ePA-Ordnern. Heise online hat die Veranstaltung unter dem Titel „KI im Alltag der Kardiologie" zusammengefasst — und der Alltag ist ernüchternder als die Keynotes vermuten lassen.
Der Frust: Digitalisierung ist noch keine Vernetzung
Simon Glück (BNK Service GmbH, Bundesverband Niedergelassener Kardiologen) beschrieb die Ausgangslage nüchtern: Die Telematikinfrastruktur (TI) sei Infrastruktur, keine Versorgung. Eine Datenübergabe bringe erst etwas, wenn sich jemand für den nächsten Schritt zuständig fühlt — und genau das fehlt.
Sein Beispiel: Eine Klinik entlässt einen Patienten nach einem akuten Koronarsyndrom. Sie weiß, dass er schnell einen Termin beim niedergelassenen Kardiologen braucht und dass die Lipidsenkung im Blick bleiben muss. Ob diese Information in der Praxis ankommt, stellt niemand sicher: „Es gibt kein System dafür." Es fehlen Rückkanal mit Eingangsbestätigung, Eskalation bei Warnzeichen und eine einheitliche Patientenidentifikation. Die Daten sind unstrukturiert und oft keinem Behandlungsfall zeitlich zugeordnet.
Aus einer stationären Einrichtung habe er gehört, dass dort täglich mehrere Faxe mit Patientendaten eingehen. Man lege sie auf einen Stapel und warte ab, ob der Patient kommt. Eine ähnliche Folie habe er vor fast zehn Jahren gezeigt — seitdem habe sich wenig geändert.
Die elektronische Patientenakte (ePA) sei der Anfang eines „Backbones" für ein medizinisches Informationssystem — im Moment aber vor allem eine PDF-Sammlung. Den größten Nutzen sieht Glück im Medikationsplan. Auf seine Frage, wer im Saal einen TI-Messenger nutzt, meldete sich eine einzige Person. Für Daten aus Wearables, DiGA und dem inzwischen vergüteten Telemonitoring bei Herzinsuffizienz fehle eine „Brückenfunktion" in die Versorgung. Sein Fazit: ein „digitales Betriebssystem für den Versorgungspfad" mit eindeutiger Patientenidentität, Interoperabilität, strukturiertem Mindestdatensatz, Registern und Feedbackschleifen. Das größte Problem: die Finanzierung. Mit der aktuellen Gesetzgebung „laufen wir eher wieder rückgängig".
Die Vision: Das keyboardlose Krankenhaus
Prof. Gerhard Hindricks vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) trat offensiver auf: „Die Zukunft der Medizin wird auf digitalen Plattformen entschieden." Für die nächsten zwei bis drei Jahre erwartet er eine deutliche Beschleunigung — weniger Regulierung, eine „risikoaffinere Haltung" und Geld, denn digital aufgestellte Häuser arbeiteten wirtschaftlicher und besser. Die Technik sei nicht das Problem: „Wir haben ein Implementierungsproblem."
Im Neubau des DHZC sollen Patienten, Pflegekräfte und Ärzte freihändig sprechen und dokumentieren — eine sprachgesteuerte „Ambient AI" überträgt Inhalte automatisch in die Systeme, Radarsensoren erfassen Biosignale ohne Berührung, vernetzt über 5G und später 6G. Hindricks arbeite längst so: „Ich erstelle keinen Arztbrief mehr, der nicht KI unterstützt ist." Patientengespräche würden nach ausdrücklicher Zustimmung aufgezeichnet, auf Knopfdruck gebe es eine Fassung in einfacher Sprache.
Zu dem Wagnis Epic: Das Krankenhausinformationssystem koste zunächst 250 Millionen Euro — „und da sind die Sekundärkosten noch nicht eingepreist". Im zweiten Quartal 2029 sollen rund 24.000 Beschäftigte und 3.600 Betten auf einen Schlag umgestellt werden. Die Charité liege auf der HIMSS-Skala für Digitalisierungsgrad derzeit bei 0 bis 1, mit Epic solle es auf 5 bis 6 gehen. Die Kritik an der Entscheidung komme „von Menschen, die nichts davon verstehen" — ein zuvor defizitäres Haus habe mit Epic innerhalb von zwei Jahren einen zweistelligen Millionengewinn erreicht, das Klinikum Luzern Ähnliches.
„KI ist besser als die kardiologische Zunft"
Prof. Holger Thiele (Herzzentrum Leipzig) sprach über KI in der Rhythmusdiagnostik nicht über die Zukunft, sondern die Gegenwart: Die KI sei besser als die kardiologische Zunft und werde das Langzeit-EKG für die Suche nach Vorhofflimmern überflüssig machen — belegt durch Studien, unter anderem aus Nature Medicine. Bei AV-Blöcken und anderen Befunden gelte dasselbe: „All das kann die KI besser als der trainierte Kardiologe, die Kardiologin oder die Rhythmologin."
Mit Blick auf einen anwesenden Google-Entwickler stellte er die entscheidende Frage: „Müssen wir das alles den großen Konzernen überlassen?" Die ESC setzt dem eigene Angebote entgegen — ein Chat in ihrer App auf Basis der europäischen Leitlinien, und unter ihrer neuen Präsidentin Cecilia Linde eine Arbeitsgruppe für Aus- und Weiterbildung, Data Science und Leitlinien. Dort geht es auch um die Frage, ob Leitlinien, die nur etwa alle fünf Jahre überarbeitet werden, noch zeitgemäß sind.
Der Streit: Datenschutz, Sektoren und digitale Analphabeten
In der Diskussion prallten die Positionen aufeinander:
- Benny Levenson (Berliner Kardiologe, ACC): Die Sektorengrenzen-Debatte sei „ein gestriges Phänomen" — mit den Hybrid-DRGs sei man längst weiter. Das Kernproblem: „dass wir digitale Analphabeten sind, insgesamt in der Versorgung" und das „irrsinnige Problem des übersteigerten Datenschutzes". Estland und Israel machten vor, wie es besser geht.
- Hindricks pflichtete bei: Hybrid-DRGs „knacken die Sektoren ganz ein bisschen auf". Er forderte mehr Mut zum Risiko — Themen in immer neue Kommissionen zu schicken sei „angstbehaftetes Gehabe", am Ende schlecht für die Patienten.
- Clemens Scherer (LMU Klinikum) widersprach: „Der Datenschutz ist inzwischen nicht mehr so das Problem, sondern einfach die technischen Möglichkeiten der Klinik." Das LMU Klinikum ist nicht an die ePA angebunden — die IT fürchte Viren, die über die ePA in die Kliniksysteme kommen. Und: Die Zusatzvergütung für die Befüllung der ePA wurde mit dem Spargesetz gestrichen. „Es wird dann keiner mehr etwas in die ePA eintragen."
- Ein Google-Entwickler brachte es auf den Punkt: 40 Seiten Prosa aus elf Arzt- und Befundbriefen helfen niemandem — strukturierte Daten wären hilfreicher.
Inga Drossart, seit fast 30 Jahren Herzpatientin und Patient Engagement Officer im ESC-Patientenforum: „Das Monopol auf Wissen ist gefallen" — Millionen Gesundheitsfragen landen täglich bei ChatGPT. „Die KI ersetzt den Arzt nicht und das ist auch nichts, was Patienten wollen." Gesucht sei ein Berater, der die mitgebrachten Informationen gemeinsam ansieht. „So ein Patient ist keine Bedrohung."
Was noch kommt
Am 25. September berät der Bundesrat über das GeDIG-Gesetz — weitere Befugnisse für Krankenkassen, darunter erweiterte Möglichkeiten, Versichertendaten auszuwerten, und KI-gestützte Durchsuchung der ePA mit Empfehlungen. Ärzteverbände und Patientenvertreter warnen. Und am Rande der Veranstaltung führte Dr. Maximilian Priebe (UKE) die App Theodor Health vor: 15 Sekunden Smartphone an die Brust, das Mikrofon nimmt Herz- und Lungengeräusche auf, eine KI wertet Rhythmus, Frequenzen und Auffälligkeiten aus und weist auf Vorhofflimmern oder abklärungsbedürftige Herzgeräusche hin — ganz ohne zusätzliche Hardware. Die Zertifizierung als Medizinprodukt läuft.
Die eigentliche Lektion
Der Konferenztitel versprach „KI im Alltag der Kardiologie" — und genau das wurde geliefert: KI, die in Studien die Zunft schlägt, und ein Alltag, in dem Entlassbriefe per Fax auf einem Stapel liegen. Der Graben verläuft nicht zwischen Befürwortern und Gegnern der Digitalisierung, sondern zwischen denen, die Systeme bauen, und denen, die Prozesse verantworten. Hindricks’ „Implementierungsproblem" und Glücks fehlender „Brückenfunktion" beschreiben denselben Fehler aus zwei Richtungen: Technik ohne Organisation, durch die niemand geht. Die ePA als PDF-Sammlung ist kein Technologieproblem — sie ist das Ergebnis davon, dass niemand dafür bezahlt wird, den nächsten Schritt zu tun. Und wenn die Zusatzvergütung für die Befüllung gestrichen wird, verschärft das Gesetz genau den Anreiz, den es gerade erst geschaffen hatte.