30 Jahre Krankenhaus-IT: Charité-Vision, Epic-Millionen und ein Faxgerät

Was geschah

Der Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiter feiert sein 30-jähriges Bestehen — und Heise hat die Jubiläumsveranstaltung ausführlich zusammengefasst. Der Bericht liest sich wie ein Abbild der Branche: eine Digitalstrategie bis 2030, eine 200-Millionen-Epic-Debatte, KI aus Kosten- und Datenschutzgründen im eigenen Haus — und zwischen Nadeldrucker und Taxi-CD alles, was in 30 Jahren nicht verschwunden ist. Über den Startup-Pitch derselben Tagung hatte ich vor zwei Wochen berichtet; jetzt der Blick auf die Hauptvorträge.


Charité Vision 2030: „Wer eine Vision hat, sollte zum Arzt gehen"

Dr. Peter Gocke, Leiter der Stabsstelle Digitale Transformation der Charité, eröffnete mit einem Seitenhieb auf die Architektur des deutschen Gesundheitswesens: Die Komplexität sei „ein deutlicher Hinderungsgrund" für digitale Informationsverarbeitung, weil Regulierung über Bund, Länder und Selbstverwaltung laufe. Auch die elektronische Patientenakte bekommt ihr Fett: mäßige Nutzerführung, oft fehlende Funktionalität.

Die Charité-Digitalstrategie (2020 verabschiedet, läuft bis 2030) leitet sich aus sieben Treibern ab — demografischer Wandel, steigende Erkrankungshäufigkeit, Fachkräftemangel. Pointiert: Die Babyboomer verlassen gerade den Arbeitsmarkt und kommen in einigen Jahren als Patienten zurück.

Zwei Lehren aus der Umsetzung:

  • Erst der Prozess, dann die Technik. Keine Funktionen einbauen, die prozessual nicht hingehören, Sparsamkeit bei Schnittstellen. Man müsse erst aus dem Prozess denken, statt festzulegen, was die Technik leisten soll.
  • Go-live ist nicht das Ende. Die größte Illusion sei, mit dem Go-live sei es getan — die eigentliche Herausforderung beginne danach. Es entstehen völlig neue Rollen, etwa ein Documentation Lead, der zentral festlegt, welche Formulare genutzt und wie dokumentiert wird.

TI: 20 Jahre alte Technik, für Unikliniken ungeeignet

Die Konnektoren der Telematikinfrastruktur sind rund 20 Jahre alt und für den Praxisbetrieb konzipiert — nicht für ein Haus von der Größe der Charité. Am Ende musste sie ein weiteres System einführen, genau das, was vermeidbar hätte werden sollen. Allein das Einstellen eines E-Rezepts erfordert 17 technische Schritte. Gematik-Geschäftsführer Florian Hartge teilte den Befund: TI 2.0 soll die Kette auf drei bis vier Schritte verkürzen und bis 2029 alle Dienste umstellen.

Positiv fällt Gockes Bilanz zum TI-Messenger aus, der den heimlich genutzten WhatsApp-Verkehr ersetzt — Screenshots funktionieren allerdings nicht. Und der Running-Gag der Tagung: gedruckt wird weiter, „zunehmend ungern", Betäubungsmittelrezepte sogar auf Nadeldruckern. Gocke dazu: „Ja, wir drucken noch, zur Freude unseres Dienstleisters, der die Drucker bereitstellt."

EHDS: Pflichten ab 2029

Der European Health Data Space bringt verbindliche Fristen: Ab 2029 müssen KIS-Hersteller elektronische Patientenkurzakte und Medikationsplan anbieten. Zudem ist jeder Dateninhaber verpflichtet, Mechanismen zu schaffen, damit Daten anonymisiert über Metadatenkataloge bereitgestellt werden.


Die Epic-Debatte: Wie passt ein Monolith in die Strategie?

Die Frage, die vermutlich fast alle Gäste im Kopf hatten: Wie passt das US-Krankenhausinformationssystem Epic in eine Strategie, die auf Souveränität und offene Schnittstellen setzt? Hintergrund: SAP zieht sich aus dem KIS-Markt zurück, die Charité darf bis 2035 Kredite von bis zu 400 Millionen Euro aufnehmen — allein die Epic-Einführung ist mit rund 200 Millionen Euro veranschlagt.

Epic gilt als „monolithic stack". Das Gegenmodell sind offene Plattformen auf Basis von Standards wie openEHR: flexibler und interoperabler, aber mit deutlich höherem Koordinationsaufwand.

Gockes Antworten auf die kritischen Nachfragen:

  • Eine Einführung dieser Größenordnung ist kein IT-Projekt allein: Eine dreistellige Zahl an Mitarbeitenden müsse benannt werden — entscheidend seien nicht die IT-Kollegen, sondern jene, die das System später nutzen.
  • Die Charité braucht ohnehin ein eigenes Datenintegrationszentrum mit zentralem klinischem Datenspeicher (Clinical Data Repository) und Terminologieserver — auch mit Epic seien nicht alle Probleme gelöst, semantischer Abgleich sei leichter gesagt als getan. Elf Universitätskliniken klären Annotationsfragen inzwischen gemeinsam, um die Datentrennung zwischen Versorgung und Forschung aufzuheben.
  • Zur Systemlandschaft: „Das wilde Wachstum können wir uns nicht leisten." Früher geduldete Systeme werden nach und nach abgeschaltet.

KI: lokal statt Cloud, aus Kosten- und Datenschutzgründen

Die gesammelten KI-Projekte der Branche zeigen ein bekanntes Muster: viel Radiologie, viel Dokumentenverarbeitung, viel Projektitis ohne Skalierung. Die Charité entschied sich für ein eigenes System — ausschlaggebend waren Datenschutz und vor allem die Kosten: Schon bei einem Bruchteil der potenziellen Nutzer sei ein Abfragevolumen entstanden, das extern kaum finanzierbar gewesen wäre.

Ein Anwendungsfall ist die Prüfung interner SOPs (Standard Operating Procedures), etwa bei Kooperationsanfragen: Früher habe die Rechtsabteilung lange gebraucht, heute gehe das deutlich schneller. Nebeneffekt: Die hohe Ablehnungsquote legte offen, dass zahlreiche SOPs schlicht abgelaufen waren.

Wichtig ist Gocke die Einordnung: „Das Ding handelt noch nicht." Handlungsfähige Agenten seien erst die zweite Stufe — vorzugsweise auf Basis des Archivsystems, wo die qualitativ besseren Daten gebündelt vorliegen.


Matusiewicz: Daten als Vermögenswert — und ihre Grenzen

Prof. David Matusiewicz (FOM Hochschule für Ökonomie und Management) brachte die unkonventionellste Perspektive: Womit verdienen Kliniken morgen ihr Geld? Denkbar sei, den Wert der eigenen Daten zu bilanzieren und als Vermögenswert zu behandeln. Kunden könnte man Großhersteller von Medizintechnik wie Siemens oder GE sein: „So kriegst du meine Daten, ich kriege eine Gegenleistung dafür und nicht mehr Data Protection."

An rechtliche Grenzen stößt das schnell — etablierter sind Kooperationsmodelle mit Forschung und Wirtschaft, die zugleich die eigene Dateninfrastruktur finanzieren. Wie heikel das ist, zeigt ein seit über zwei Jahren laufender Streit um den Analyse-Dienstleister BinDoc: Ob dessen Auswertungen aus Millionen Krankenhausfällen tatsächlich anonymisiert sind, prüft derzeit die baden-württembergische Datenschutzaufsicht.

Dazu zwei Denkanstöße:

  • „Interception Window": Je mehr gemessen wird — von Genotyp über Omics bis Mikrobiom —, desto häufiger entstehen Auffälligkeiten in den Daten ohne jedes Symptom. Die offene Frage: Ist jemand dann bereits krank oder noch gesund? Der Schlaftracker schlägt morgens Alarm, obwohl man sich gut fühlt — der eine gerät in Panik und bucht ein Schlaflabor, der andere ignoriert den Algorithmus.
  • Gentests bei Neugeborenen: Für manche lebensrettend, wenn genetische Risiken früh bekannt sind — für andere schlicht Pathologisierung. Matusiewicz war selbst an entsprechenden Diskussionen im Bundesgesundheitsministerium beteiligt, öffentlich geführt wurde die Debatte nie.

Sein Fazit zur Branche: Seit 20 Jahren werde über Interoperabilität geredet — und das werde so weitergehen. Das Faxgerät sei weiterhin im Einsatz, das Diktiergerät nutzten selbst seine Studenten, und Befund-CDs kilometerweit „von Green Hospital zu Green Hospital" per Taxi transportiert, obwohl sichere digitale Übertragungswege längst existieren. Immerhin: Einzelne Häuser setzen inzwischen auf mehrfach nutzbare Festplatten.


Dänemark: Konsolidierung als Prinzip

Dr. Jørgen Schøler Kristensen, Mitglied des dänischen Arzneimittelrats, kam zur IT, nachdem er durch einen Behandlungsfehler beinahe den Tod eines Menschen verursacht hätte. Dänemarks Weg:

  • 1994: MedCom als landesweiter Kommunikationsstandard
  • 2003: zentraler Zugangspunkt für Gesundheitsdaten für Profis und Patienten
  • 2010: nationales Medikationssystem
  • Fax spielt heute keine Rolle mehr.

Parallel lief eine staatlich gesteuerte Konsolidierung: von 13 Regionen auf fünf, zuletzt vier — weniger Krankenhäuser, weniger Betten, kürzere Verweildauern.

Interessant ist der unmittelbare Patientenzugriff im Portal sundhed.dk: Kristensens Nachbar las dort Pathologiebefund und CT-Ergebnis zu seiner eigenen Lungenkrebserkrankung — Tage vor dem Arzttermin. Das Portal warnt auf dem Bildschirm vor möglicherweise belastenden Inhalten. Kristensen verteidigt das Modell trotzdem: Datenzugang sei für ihn eine Frage demokratischer Selbstbestimmung.


Oesterhoff: Personalmangel und die leere Kasse

Ecky Oesterhoff (CompuGroup Medical, aktiv im bvitg) zog Bilanz aus Hersteller- und Ex-CIO-Perspektive:

  • 14 Prozent der IT-Stellen unbesetzt, drei Viertel der Häuser mit Rekrutierungsproblemen, ein Viertel der Beschäftigten kurz vor der Rente, dazu ein geringer Akademisierungsgrad. Kein anderer kritischer Sektor müsse unter solchen Bedingungen arbeiten.
  • Das Geld ist weg: Das Krankenhauszukunftsgesetz brachte 4,3 Milliarden Euro, die weitgehend verbaut wurden — ein Erfolg, anders als beim Digitalpakt Schule. Aber diese Mittel sind aufgebraucht. Der Krankenhaus-Transformationsfonds enthält nur einen einzigen IT-bezogenen Fördertatbestand, das oft angekündigte Cyber-Sofortprogramm des Bundesgesundheitsministeriums bleibt abzuwarten. International sei man „auf dem lowest Level unterwegs".
  • Die Kette ist falsch herum gedacht: „Fordert die Medizinstrategie ein. Ihr müsst an den Tisch, sonst seid ihr nur Aufsteller von Technik." Aus einer Medizinstrategie müsse eine Digitalstrategie abgeleitet werden, daraus die Architektur, erst dann die Beschaffung. In den vergangenen Jahren habe man sich fast nur mit den letzten beiden Schritten beschäftigt. Ein Digitalgesetz ohne Versorgungszielbild sei nur eine Sammlung von Vorhaben.
  • „Interoperabilität erzeugt keine Semantik" — entscheidend sei die Datenqualität bereits bei der Dokumentation. Interoperabilität dürfe zudem nicht monetarisiert werden. Beispiel Medikationsplan: ambulant digitalisiert, der stationäre Bereich zieht nach — mit absehbaren Brüchen bei Aufnahme und Entlassung.
  • EHDS: Formuliere teils konkretere Anforderungen an Daten und Interoperabilität als nationale Vorgaben. Litauen, Belgien und Portugal waren schneller. Deutschland brauche eine Instanz, die über Legislaturperioden hinaus plane — Oesterhoff sprach sich ausdrücklich für eine Stärkung der Gematik aus.

Zum SAP-Rückzug: Maximalversorger und Unikliniken stünden vor einem Systemwechsel, der die Kapazitäten von Herstellern und Klinik-IT übersteige. Prozessverständnis sei keine Frage des Wollens, sondern Voraussetzung, um die Arbeit überhaupt zu stemmen. Individuelle Sonderwünsche werde es dabei kaum geben können.


Was 30 Jahre zeigen

Drei Eindrücke bleiben hängen:

  1. Das Problem ist Struktur, nicht Technik. Faxgerät, Taxi-CD und Nadeldrucker sind Symptome. Die Ursache ist eine Architektur, in der Regulierung über Bund, Länder und Selbstverwaltung verzahnt ist. Dänemark zeigt, dass es anders geht: ein landesweiter Standard seit 1994, ein zentraler Zugangspunkt, staatlich gesteuerte Konsolidierung. Deutschland redet seit 20 Jahren über Interoperabilität — Dänemark hat sie vor 30 Jahren zu bauen begonnen.

  2. Epic ist keine Produktentscheidung, sondern eine Komplexitätsentscheidung. Rund 200 Millionen Euro für einen monolithischen Stack sind auch ein Kauf von Einfachheit: ein System statt hundert. openEHR wäre der offene Weg — mit deutlich höherem Koordinationsaufwand. Beide Pfade sind vertretbar, aber die ehrliche Debatte ist die über Koordinationskosten, nicht die über Produktbroschüren.

  3. Der Engpass sind Menschen. 14 Prozent unbesetzte IT-Stellen, ein Viertel der Beschäftigten vor der Rente — und Gockes Satz „Das wilde Wachstum können wir uns nicht leisten" gilt nicht nur für Systeme. Oesterhoffs Kette — Medizinstrategie, Digitalstrategie, Architektur, Beschaffung — zeigt, warum: Ohne Prozessverständnis wird Technik nur aufgestellt.

Der Satz, der bleibt: „Interoperabilität erzeugt keine Semantik." Semantik entsteht bei der Dokumentation — dort, wo Menschen Daten erfassen. Kein Standard, kein Tool und keine KI ersetzt das. Dass die Charité inzwischen einen eigenen Documentation Lead kennt, ist die konsequente Antwort: Datenqualität wird zu einer eigenen Funktion.


Quellen