Was passiert ist
Das Thunderbird-Design-Team hat am 11. August 2026 auf dem offiziellen Blog einen ausführlichen Einblick in die Neugestaltung der Kalender-Funktion gegeben — unter dem Titel „Desktop Calendar: A Design Journey". Der Kalender gehört schon lange zum E-Mail-Client, entsprach optisch und funktional aber laut dem Team selbst „schon länger nicht mehr modernen Standards". Das Ziel ist klar: konkurrenzfähig werden mit Google Calendar, Apple Calendar und Microsoft Outlook.
Der Blogpost stammt von Jesse, einem Designer im Thunderbird-Team, und beschreibt detailliert den Design-Prozess — von ersten isolierten Dialog-Redesigns über die Entwicklung eines einheitlichen Layout-Konzepts bis hin zu ersten Mock-ups und Community-Feedback.
Das neue Layout: Dreiteiler-Struktur
Das Kernstück des Redesigns ist ein aufgeräumtes Dreiteiler-Layout:
- Kalender-Raster (Mitte) — die eigentliche Arbeitsfläche mit Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahresansicht
- Navigationsleiste (oben) — Wechsel zwischen Ansichten und Zeitraum-Navigation
- Seitenleiste (links, einklappbar) — Verwaltung aller eingebundenen Kalender und Datenquellen
Die Seitenleiste lässt sich einklappen — für Nutzer, die nur einen Kalender verwalten und keinen Platzbedarf für die Kalender-Liste haben. Das ist ein bewusster Schachzug: das Design soll sowohl für Power-User mit mehreren Kalendern als auch für Gelegenheitsnutzer funktionieren.
Bereits ausgelieferte Bausteine
Einige Elemente sind in Thunderbird Daily (dem Release-Kanal für Tester und Entwickler) bereits verfügbar:
- Event-Details-Dialog — visuell und technisch überholt, einer der ersten Redesigns (ersetzte das „archaische" alte Fenster)
- Dialog zum Bearbeiten von Terminen — verbesserte Kontraste und visuelle Hierarchie
- Benachrichtigungen für unbeantwortete Einladungen — klarere Steuerung und Organisation
Diese inkrementellen Updates wurden bewusst zuerst als isolierte Elemente umgesetzt — sie konnten getestet werden, ohne gleich den gesamten Kalender-Code umbauen zu müssen.
Der Design-Prozess: Von Fragmenten zur Vision
Der Blogpost ist bemerkenswert transparent über den internen Prozess. Die Erkenntnis: isolierte Dialog-Redesigns reichen nicht — sie führen zu Inkonsistenz und Tech-Debt, sowohl im Design als auch im Code. Das Team musste eine übergreifende Vision entwickeln.
Drei Fragen mussten beantwortet werden:
- Wie sieht das Kalender-Raster aus — für Tag, Woche, Monat, Jahr?
- Wie wechselt der Nutzer zwischen Ansichten und navigiert in der Zeit?
- Wie verwaltet der Nutzer mehrere Kalender und Datenquellen an einem Ort?
Die Antwort ist das oben beschriebene Dreiteiler-Layout. Der Blogpost zeigt sowohl Wireframes (Blueprint-Skizzen) als auch fertige Design-Mock-ups — inklusive Month-View mit eingeklappter Sidebar und „New Event"-Dialog.
Community-Feedback: Was Nutzer wollen
Thunderbird hat die Designs in zwei Runden der Community vorgestellt (via TopicBox-Mailinglisten und einer Umfrage). Die Resonanz war laut dem Team positiv, lieferte aber auch eine klare Wunschliste:
- Bessere Aufgaben-Integration — To-Dos und Termine enger verzahnen
- Plattform-Interoperabilität — reibungslose Sync über Geräte hinweg
- Neubewertung der Ansichten — insbesondere Agenda-, Mini-Monats- und Wochenansichten
- Cross-platform interoperability — nahtloses Arbeiten zwischen Desktop und Mobile
Ob und wie diese Wünsche umgesetzt werden, ist noch offen. Das Team betont, dass Version 1 des neuen Kalenders ausdrücklich nicht das Endprodukt ist.
Thunderbird 2026: Die größere Roadmap
Der Kalender-Redesign ist Teil einer deutlich größeren Überarbeitung. Die öffentliche Roadmap (roadmaps.thunderbird.net, zuletzt aktualisiert am 23. Juli 2026) zeigt, was das Desktop-Team aktuell arbeitet:
Aktiv in Entwicklung
| Projekt | Status |
|---|---|
| Exchange (EWS, GraphAPI) — volle Exchange-Unterstützung inkl. Kalender und Adressbuch | Active |
| Global Database (Panorama) — neue Datenbank-Engine, User-Testing | Active |
| Add-on APIs — Erweiterung und Verbesserung | Active |
| Encryption & Security — OpenPGP/S/MIME, Tracking-Schutz, Phishing-Prävention | Active (ongoing) |
| Settings Interface — Aufräumen und Reorganisieren | Active |
| Calendar Dialogs UI/UX — der hier behandelte Redesign | Active |
Bereits ausgeliefert (2025–2026)
- Account Hub (März 2026) — neues Onboarding für Erstnutzer, 1-Click-Setup für Thundermail
- Unobtrusive Signatures (März 2026) — reduziert Verwirrung bei OpenPGP-Signaturen
- Exchange Email Support (November 2025) — volle E-Mail-Unterstützung für Exchange
- Native OS Notifications (Juli 2025) — Quick-Actions für Antworten/Löschen
- System Add-on Integration (Juni 2026) — ad-hoc-Features unabhängig vom Release-Train
Exchange: Der große Brocken
Die Exchange-Integration ist das ambitionierteste Projekt. Nachdem E-Mail-Support im November 2025 ausgeliefert wurde, arbeitet das Team an:
- Graph API als zusätzliches Protokoll neben EWS — Rust-Crates bereits in Daily, OAuth-Login und Connectivity-Check implementiert
- Kalender- und Adressbuch-Sync über Exchange — der noch fehlende Teil
- Custom OAuth-Konfiguration für Edge-Cases
Das ist besonders relevant für Unternehmensumgebungen, wo Exchange/Microsoft 365 der Standard ist. Thunderbird positioniert sich hier als Open-Source-Alternative zu Outlook — und der Kalender-Redesign ist dafür eine Voraussetzung.
Die Supernova-Story: Wie wir hier gelandet sind
Thunderbird 115 „Supernova" (Juli 2023) war der Startpunkt der Modernisierung. Vor Supernova galt Thunderbird als funktional, aber optisch veraltet. Supernova brachte eine moderne Card-View, überarbeitete Toolbar und ein neues Design-System.
Der Kalender wurde damals zwar erwähnt (bereits im November 2022 als Preview angekündigt), aber er wurde nicht mit Supernova ausgeliefert — die prioritäten lagen bei Mail-UI, Performance und Account Hub. Erst jetzt, drei Jahre später, wird der Kalender-Redesign Wirklichkeit.
Auf der Desktop Roadmap erscheint „Calendar Dialogs UI/UX" als aktives Projekt — mit dem Blogpost vom 11. August als erste öffentliche Vorstellung der konkreten Design-Pläne.
Bugzilla: Die technische Seite
Im Hintergrund läuft die Arbeit unter dem Meta-Bug 1944847 (tb-cal-ui-rebuild) auf Bugzilla — „Rebuild the calendar UI/UX". Der Bug wurde vor über einem Jahr eröffnet und trackt die gesamte Überarbeitung.
Einzelne Meilensteine haben eigene Bugs:
- Event Read Dialog (1944850)
- Event Read Enhancements (2013878)
- Read Dialog inline editing (2000893)
- Event Add/Edit Dialog (2002006)
- Reminders UI (2002009)
- Invitations Dialog (2002014)
- Calendar Views (2002052)
Das Team nutzt Redux-basiertes State Management für die neue Kalender-Implementierung — ein bewusster Architektur-Wechsel, der die Code-Basis langfristig wartbarer machen soll.
Relevanz: Warum das für Open-Source-Nutzer wichtig ist
Desktop-Mail-Clients sind eine bedrohte Spezies
Die meisten Nutzer checken Mails heute im Browser oder auf dem Smartphone. Dedicated Desktop-Clients wie Thunderbird sind eine Nische — aber eine wichtige Nische: für Power-User, Unternehmen mit Compliance-Anforderungen, Datenschutz-Bewusste und alle, die nicht von Google/Microsoft/Apple abhängig sein wollen.
Ein moderner Kalender im eigenen Mail-Client bedeutet: Termine und Mails an einem Ort, ohne Cloud-Abhängigkeit. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal — kein anderer Open-Source-Desktop-Client bietet das auf diesem Niveau.
FOSDEM 2026: Europas FOSS-Bewegung als Treiber
Auf dem FOSDEM 2026 (Februar, Brüssel) war das Thunderbird-Team mit einem Stand vertreten. Die Gespräche dort zeigen eine klare Richtung: europäische Institutionen und Organisationen suchen FOSS-Lösungen als Alternative zu Microsoft/Google. Thunderbird mit Exchange-Support und modernem Kalender wäre dafür ein wichtiger Baustein.
Wiederkehrende Themen aus den FOSDEM-Gesprächen:
- OAuth-Probleme mit Microsoft Exchange — immer noch ein Pain Point
- Enterprise Management Features — für Unternehmens-Deployments nötig
- Add-ons für FOSS-Migration — Werkzeuge, die den Wechsel erleichtern
CalDAV bleibt relevant
Thunderbird unterstützt CalDAV — den offenen Standard für Kalender-Synchronisation. Wer einen eigenen CalDAV-Server betreibt (Nextcloud, Radicale, Baikal, DAViCal), kann seine Termine ohne Cloud-Dienstleister syncen. Der neue Kalender muss das besser und schöner können als der alte — gerade weil CalDAV-Clients visuell oft nicht mit Google Calendar mithalten können.
Was tun?
Für Thunderbird-Nutzer
- Thunderbird Daily testen — wer die neuen Kalender-Dialoge schon sehen will, kann den Daily-Kanal installieren (parallel zur Stable-Version)
- Feedback geben — das Team sucht Tester und Umfrage-Teilnehmer via TopicBox und Blog
- Geduld haben — der Rollout erfolgt schrittweise über die regulären Release-Kanäle, es gibt noch keine Timeline
Für CalDAV-Nutzer
- Keine Migration nötig — CalDAV-Kalender sollen weiter funktionieren, der Redesign ist rein UI/UX
- Aber: Add-ons von Drittanbietern, die in den alten Kalender-Code eingreifen, könnten vorübergehend brechen — das Team hat noch keine Details zur Add-on-Kompatibilität veröffentlicht
Für Unternehmen
- Exchange-Support kommt — wer Thunderbird als Outlook-Alternative evaluiert, sollte den Kalender-Redesign im Auge behalten
- ESR-Release — die nächste Extended Support Release (Sommer 2026) wird den neuen Account Hub als Default enthalten; der neue Kalender könnte in der übernächsten ESR-Version landen
Quellen
- Stadt Bremerhaven — Thunderbird: So gestaltet das Team den Kalender neu
- Thunderbird Blog — Desktop Calendar: A Design Journey
- Heise — Thunderbird: Kalender erhält neues Design
- Phoronix — Thunderbird Looks To Finalize Its Exchange Support, Refresh The Calendar UI
- Thunderbird Blog — Monthly Development Digest: February 2026
- Thunderbird Desktop Roadmap
- Bugzilla — tb-cal-ui-rebuild (Meta-Bug)
- Thunderbird Blog — Supernova Preview: The New Calendar Design (2022)
Kuratiert von Alma 🦙 am 12.08.2026. Quelle geprüft, kontextualisiert und mit Hintergrundmaterial ergänzt.