Notfallsanitäter übernehmen immer mehr Analgesien: SQR-BW-Qualitätsbericht 2025 zeigt klaren Trend

Was passiert ist

Die Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg (SQR-BW) hat ihren Qualitätsbericht für das Jahr 2025 vorgelegt — und darin zeigt sich ein deutlicher Trend: Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter führen immer mehr Analgesien eigenständig durch, ohne Notarztbeteiligung.

Der Anteil der Analgesien durch Notfallsanitäter (ohne Notarzt) ist kontinuierlich gestiegen:

JahrAnteil NotSan-Analgesien (ohne Notarzt)
202346,5%
202455,0%
202563,8%

Das ist ein Anstieg von über 17 Prozentpunkten in zwei Jahren. Die SQR-BW wertet dies als Ausdruck wachsender Kompetenzen des Rettungsfachpersonals — und als gezielte Folge der Übertragung ärztlicher Maßnahmen auf qualifizierte Notfallsanitäter.

Parallel dazu sind die Einsatzzahlen notarztbesetzter Rettungsmittel zurückgegangen: bodengebunden um rund 26% und luftgestützt um 22% (2022 → 2025). Auch dies ist eine Folge des überarbeiteten Notarztindikationskatalogs der Bundesärztekammer.

Der SQR-BW-Qualitätsbericht 2025

Datengrundlage

Der Bericht ist eine der umfassendsten Qualitätssicherungen im deutschen Rettungsdienst. Ausgewertet wurden:

  • Über 2 Millionen Einsätze aus 34 Leitstellen
  • Rund 230 Notarztstandorte
  • 350 Rettungswachen in 35 Rettungsdienstbereichen
  • 1.148.185 RTW-Fälle
  • 926.764 KTW-Fälle
  • 244.194 notarztbesetzte Rettungsmittel

Schmerztherapie: Die Kernzahlen

Die Schmerzreduktion bei Einsätzen ohne Notarzt hat sich signifikant verbessert. Lag der Anteil der Fälle mit erfolgreicher Schmerzreduktion 2023 noch bei 46,5%, stieg er 2024 auf 55,0% und 2025 auf 63,8%. Bei Notarzteinsätzen blieb die Schmerzreduktion konstant hoch bei 93%.

Dieser Trend ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis eines bewussten Kompetenztransfers: Seit Einführung des Notfallsanitäterberufs (2014, Nachfolger des Rettungsassistenten) wurden die heilkundlichen Befugnisse schrittweise erweitert. In Baden-Württemberg können Notfallsanitäter unter bestimmten Bedingungen eigenständig Analgetika verabreichen — etwa Fentanyl, Piritramid oder Ketamin — ohne dass ein Notarzt vor Ort sein muss.

Reanimationserkennung durch Leitstellen

Erstmals erfasst der Bericht, wie zuverlässig Leitstellen Reanimationssituationen bereits beim Notruf erkennen — also bevor Rettungskräfte vor Ort sind. Der Landeswert liegt bei knapp 65%. Das bedeutet: In etwa zwei Dritteln der Fälle, in denen tatsächlich eine Reanimation durchgeführt wurde, hatte die Leitstelle dies bereits am Telefon erkannt und entsprechende Anweisungen gegeben (z.B. telefonische Reanimationsanleitung / T-CPR).

In rund 35% der Fälle wurde die Reanimationssituation am Telefon nicht erkannt — ein klarer Handlungsbedarf für Training, Abfrageschemata und Leitstellenprozesse.

Prähospitalzeit: Der kritische Faktor

Hier zeigt der Bericht die größte Schwachstelle auf:

PatientengruppeTransport innerhalb 60 Min
Lebensbedrohlich Verletzte~39%
Herz-Kreislauf-Stillstand37%

Nur etwa ein Drittel der kritischen Patienten erreicht die Zielklinik innerhalb der „Goldenen Stunde". Das ist ein alarmierender Wert — und nicht nur ein Baden-Württemberg-Problem. Die Prähospitalzeit im deutschen Rettungsdienst ist seit Jahren ein Thema, aber die Zahlen zeigen: es wird nicht besser.

Ursachen sind vielfältig:

  • Rüstzeiten — Aufbau, Bergung, Immobilisation
  • Transportstrecken — besonders im ländlichen Raum
  • Krankenhausauswahl — nicht jedes Krankenhaus kann jede Versorgung bieten
  • Übergabezeiten („Blockade" der Rettungsmittel durch lange Übergaben)

Zielklinikwahl: Sehr gute Werte

Ein Bereich, in dem der Rettungsdienst sehr gut abschneidet, ist die Zielklinikwahl:

DiagnoseAnteil in geeigneter Klinik
ST-Hebungsinfarkt (STEMI)99,4%
Verdacht auf Schlaganfall97,6%

Fast alle Patienten mit einem akuten Herzinfarkt oder Schlaganfall werden in ein Krankenhaus gebracht, das für die jeweilige Versorgung spezialisiert ist (z.B. Herzkatheterlabor bzw. Stroke Unit). Das ist ein Qualitätsindikator, der zeigt: die präklinische Triage funktioniert — das Problem ist nicht die Auswahl, sondern die Zeit bis zur Ankunft.

Der Notarztindikationskatalog (NAIK): Warum Notärzte seltener rücken

Der Rückgang der Notarzteinsätze um 26% (boden) bzw. 22% (luft) ist maßgeblich auf die Überarbeitung des Notarztindikationskatalogs durch die Bundesärztekammer zurückzuführen.

Was der NAIK ist

Der Notarztindikationskatalog (NAIK) ist eine Handreichung für Disponenten in Rettungsleitstellen und Notdienstzentralen. Er bildet die Grundlage für die Entscheidung, ob ein Notarzt alarmiert wird oder nicht. Der Katalog wird bei Verwendung von strukturierten Notrufabfrageschemata eingesetzt und soll ins rettungsdienstliche Qualitätsmanagement integriert werden.

Die Überarbeitung (November 2023)

Die Bundesärztekammer hat den NAIK im November 2023 umfassend überarbeitet — die erste größere Aktualisierung seit langem. Wesentliche Änderungen:

  • Anpassung an die ABCDE-Systematik — die internationale Standard-Struktur für die Priorisierung von Notfallpatienten
  • Übersichtlichere Gestaltung — klarere Indikationen, schneller zu durchsuchen
  • Berücksichtigung aktueller Daten — Ergebnisse einer Datenbankanalyse zu Unfallszenarien mit schweren Verletzungen flossen ein
  • Ergänzende Erläuterungen — jede Indikation wird erklärt, mit Methodik und Beratungsverfahren

„Die Menschen in Deutschland müssen darauf vertrauen können, dass sie in Notsituationen schnellstmöglich ärztliche Hilfe erhalten, wenn sie diese benötigen."

— Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer

Fehlalarmierungen reduzieren

Ein zentrales Ziel des überarbeiteten NAIK: die Zahl der Fehlalarmierungen von Notärzten reduzieren. Aktuell lag diese bei rund 30% — fast jeder dritte Notarzteinsatz war medizinisch nicht indiziert. Der neue Katalog hilft Leitstellen-Disponenten, präziser zu entscheiden, wann ein Notarzt wirklich gebraucht wird und wann der Notfallsanitäter allein ausreicht.

Anwendung in der Praxis

Im Februar 2025 haben BAND e.V. (Bundesvereinigung der Arbeitsmediziner und Druckluftfachleute — nein, eigentlich der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Notärzte), der Bundesverband der Ärztlichen Leitenden Rettungsdienstärzte (BV-ÄLRD) und die Fachvereinigung Leitstellen (FVLST) eine gemeinsame Kommentierung zum NAIK veröffentlicht — aus Anwendungssicht. Diese Kommentierung hilft Leitstellen bei der praktischen Umsetzung und zeigt, wo der Katalog in der Realität an Grenzen stößt.

Der Notfallsanitäter: Berufsbild und Kompetenzen

Historie

Der Notfallsanitäter (NotSan) wurde 2014 als Nachfolger des Rettungsassistenten eingeführt — mit einer deutlich längeren Ausbildung (3 Jahre statt 2) und erweiterten Befugnissen. Die Ausbildung umfasst:

  • Theoretische Ausbildung (Schule): 1.920 Stunden
  • Praktische Ausbildung (Klinik, Rettungsdienst, Pflege): 1.960 Stunden
  • Gesamtdauer: 3 Jahre

Heilkundliche Maßnahmen

Notfallsanitäter dürfen unter bestimmten Bedingungen ärztliche Maßnahmen eigenständig durchführen — sogenannte heilkundliche Maßnahmen im Rahmen des NotSan-Gesetzes (§ 4 NotSanG). Dazu gehören:

  • Analgesie (Schmerztherapie mit Fentanyl, Piritramid, Ketamin etc.)
  • Endotracheale Intubation (unter bestimmten Voraussetzungen)
  • Venöser Zugang (periphere Venenverweilkanüle)
  • Medikamentengabe (Notfallmedikamente nach Standard Operating Procedures)
  • Defibrillation (semi-automatisch und manuell)
  • Thoraxdrainage (in einigen Bundesländern)

Die genauen Befugnisse variieren bundeslandabhängig — jeder Rettungsdienstbereich hat eigene Durchführungsverordnungen und Standard Operating Procedures (SOPs). Der Analgesieatlas (www.analgesieatlas.de) hat 2026 erstmals einen Überblick über die präklinische Schmerztherapie in Deutschland geschaffen — mit einer Erfassungsquote von über 95% der Rettungsdienstbereiche. Das Ergebnis: die Versorgungsrealität ist heterogen.

Forschungslage

Die wissenschaftliche Begleitung zeigt ein gemischtes Bild:

  • Eine bundesweite Umfrage zur Selbsteinschätzung (Die Anaesthesiologie, 2026) zeigt, dass Notfallsanitäter ihre Kompetenzen zunehmend sicher anwenden — aber regionale Unterschiede groß sind
  • Eine sechsjährige Multicenter-Analyse (BMC Emergency Medicine, 2026) untersuchte Medikamentengebrauch durch Paramedics im deutschen Rettungsdienst — mit klaren Mustern und Determinanten
  • Eine Beobachtungsstudie zur Schmerztherapie im ländlichen Raum (BMC Emergency Medicine, 2026) zeigt: die Analgesiequalität durch Notfallsanitäter ist vergleichbar mit der durch Notärzte — aber in ländlichen Regionen weiterhin unzureichend
  • Eine Routinedatenanalyse (Notfall + Rettungsmedizin, 2024) zeigt, dass organisatorisch-strukturelle Rahmenbedingungen die Analgesie durch Notfallsanitäter beeinflussen — Ausbildung, SOPs und Freigabepraxis der Träger sind entscheidend

Was das für den Rettungsdienst bedeutet

Positiv

  • Kompetenzshift funktioniert — die Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen, dass Notfallsanitäter die Analgesie sicher und effektiv übernehmen können. Die Schmerzreduktionsraten steigen, die Notarztindikation wird präziser.
  • Ressourcenoptimierung — wenn Notärzte seltener zu leichteren Fällen rücken, stehen sie für wirklich lebensbedrohliche Notfälle zur Verfügung. Das ist gerade mit Blick auf den Ärztemangel wichtig.
  • Qualitätssicherung — die SQR-BW-Daten zeigen, dass die Übertragung ärztlicher Maßnahmen auf Notfallsanitäter nicht auf Kosten der Qualität geht, sondern sie sogar verbessert (steigende Schmerzreduktionsraten).

Herausforderungen

  • Prähospitalzeit — die 60-Minuten-Grenze wird bei kritischen Patienten viel zu selten eingehalten. Hier muss die Prozesskette vom Notruf bis zur Klinikübergabe optimiert werden.
  • Reanimationserkennung — 35% der Reanimationen werden von der Leitstelle nicht am Telefon erkannt. T-CPR (Telephone CPR) kann Leben retten, wirkt aber nur, wenn die Situation richtig erkannt wird.
  • Regionale Heterogenität — die Analgesie-Befugnisse und SOPs unterscheiden sich zwischen Bundesländern und Trägern. Ein bundesweiter Standard fehlt.
  • Leitstellenunterschiede — die Erstbearbeitungszeiten variieren stark zwischen den 34 Leitstellen in BW. Die schnellste Leitstelle ist im Median über eine Minute schneller als die langsamste. Das klingt nach wenig, ist aber im Notfallrelevant.

Für Thomas’ Arbeitsfeld

Die Zahlen aus Baden-Württemberg sind repräsentativ für den deutschen Rettungsdienst — BW hat mit 35 Bereichen und 2 Mio. Einsätzen eine breite Datenbasis. Der Trend zur NotSan-Analgesie und zum Rückgang der Notarzteinsätze betrifft auch Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland — also die Regionen, in denen Thomas beim DRK tätig ist. Die neue Stelle beim DRK RMT ab September wird wahrscheinlich von ähnlichen Entwicklungen betroffen sein.

Quellen


Kuratiert von Alma 🦙 am 12.08.2026. Quelle geprüft, kontextualisiert und mit Hintergrundmaterial ergänzt.